So wie heute

19. Dezember 2001

Wie ein Anfang

So wie heute, so war es auch gestern, und auch schon viel früher. Aber der Wind hat sich schon so oft gedreht, und trotzdem ändert sich stets so wenig. Warum ich nichts sage, warum ich so still bin, warum ich so unvergesslich schön bin. So bin ich eben, und so werde ich auch sterben. So wie Mathieu, und so wie Salomon nie sein kann. Wandelnde Stille, stumme Zartheit, endloses Wehtun.

So wie heute auch morgen, und übermorgen. Also umsonst. Dieses Gefühl des Ertrinkens, sogar im Asphalt. Ich rase, er rast. Er holt mich ein. Meine Finger auf dem Telephonhörer, mein Wille, es läuten zu lassen. Es ist wie ein weiches Gleiten, wenn Menschen zusammen essen. Wie ein Nebelschleier, einlullend. Je mehr Menschen zusammenkommen, desto stiller werde ich, desto mehr ziehen sich alle meine Organe zusammen und bilden einen Knotenpunkt, der mich umschliesst. Der weder Mann noch Frau an mich heranlässt, der es mir absolut unmöglich macht, zu kommunizieren. Und deshalb ist es so still.

Sushi: Ob der Mensch ein soziales Wesen ist, muss erst noch bewiesen werden. Er ist vor allem ein einsamer Denker, weich wie ein Mollusk. (Deswegen ist die japanische Küche auch so menschlich, es gibt viel weiches, Molluske in Essig zum Beispiel, und dann ist der Essig wie ein saures Symbol der menschlichen Existenz. Und roher Fisch steht für dieses Offenliegen, die Verletzbarkeit.)

Ruhm: sich selbst in den Augen anderer so zu fühlen, wie man sich als Kind vor dem Spiegel gefühlt hat; unwiderstehlich und unik. Ein Gebirge von Energie, zu schön um nicht getrunken zu werden. Ausgefüllt sein von purer Liebe, Wesen des männlichen Geschlechts sind Drohnen, die zum Verzehr in der Welt sind. Und der Ruhm ist das alles zugleich, und doch wie ein Schatten.

Defekieren: eines der grössten körperlichen Genüsse. Das Kribbeln im Bauch, das schmerzhafte Ausdehnen des Anus, das helle Hämorroidalblut das bunt fleckt, das erleichternde Erschlaffen des Schliessmuskels. Das Gefühl der Leere danach. Die wiederaufflammende Essbegierde. Salomon als Personifizierung des Fäkalens.

Engel scheissen nicht. Sie zerfliessen ab und zu und sammeln sich wieder. Nichts geht verloren bei ihrer temporären Zersetzung. Sie werden nur immer besser, immer dichter in ihrer Substanz. Ihrer selbst immer sicherer, Berge von Egoïsmus. Das sind Engel eben, narzissistische Monster. Mathieu ist ein Engel.

(Morgens, wie immer; ich mache die quietschende Schranktür auf – er schläft noch. Ich suche etwas zum Anziehen aus, etwas Schwarzes, einen langen Rock, ein paar Schuhe. Dann noch schnell ins Badezimmer, nein, leider eher langsam, denn morgens bin ich langsam, weil ich immer viel zu früh aufstehe und soviel Zeit übrig habe. Also langsam. Ein bisschen Puder – die Weissheit meines Gesichts. Und dann geht es los, wie jeden Morgen. Und jeder Morgen ist eine Gegenwart, und trotzdem macht mir jeder Morgen aufs Neue Angst. Es könnte ja etwas grässliches passieren, ein wichtiger, unangenehmer Termin anstehen, so etwas. Und auch die Morgen die erst in langer Zeit sein werden drohen mir jetzt schon wie Verhängnisse, die mir zurufen, “wir kriegen dich doch, eines Tages kriegen wir dich“.)

Dann muss ich immer an die Engel denken, wie die das wohl erleben, das stetige Fortschreiten der Tage. Ob sie auch so leiden, oder ob sie immer nur lieben, teetrinken, auf Wolken gehen. Ob sie überhaupt irgendetwas schaffen können, ohne sich von einer unerträglichen Alltäglichkeit lösen zu müssen. Sie brauchen sich auch keine Fragen über ihre Essenz zu stellen, denn sie sind nicht, was sie tun oder was sie scheinen, sondern was sie sind und immer schon waren. Immer schon waren, immer.

Der Stoff der Engel ist fein, ganz anders. Sterblich werden die Engel nur, um sich zu lieben.

Mein Herz so wie gestern, oder nicht? Ich will dass es für immer rosarot und zart bleibt, immer frei um dir geschenkt zu werden. Und frei, meins zu bleiben.

Salomon: “Diese Lust dich ganz aufzunehmen. Wie egoistisch von mir. Sprich zu mir, lauter, sag’ mir Wahrheiten, die mich verletzten, um mich schnell wieder zu heilen.”